Historische Entwicklung der Tierethik

Ob der Mensch ein Tier ist oder nicht, wird seit Beginn der Philosophie in der griechischen Antike unterschiedlich diskutiert.

Griechische Antike

Aristoteles
Aristoteles war etwa 340 v. Chr. der Ansicht, dass der Mensch zwischen Tier und Gott steht – der Mensch ist bei ihm eine Mischung zwischen Gott und Tier. Er entwarf ein Pyramidenmodell, um die Stellung der Pflanzen, Tiere und Menschen in der Welt besser veranschaulichen zu können. Er sieht die Pflanzen auf der untersten Stufe (Stufe 1: Sinnesempfindung), da diese ihre Lage in der Erde seiner Meinung nach wahrnehmen können. Die Tiere finden sich auf der 2. Stufe (Stufe 2: Erinnerung, Gedächtnis), da sich diese bei einer Veränderung ihrer Lage bzw. ihrer Sinnesempfindung auch daran erinnern können. Ab Stufe 3 (Stufe 3: Erfahrung, Stufe 4: Kunstfertigkeit, Stufe 5: Wissen, Stufe 6: Philosophie) gibt es nur noch den Menschen, Stufe 7 ist Gott. (Quelle: siehe Fußnote 1)

Um 1500

Tiere im Mittelalter und in der Bibel

In der Bibel wird dem Menschen die Herrschaft über die Tiere übertragen:

Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land. (Quelle: Genesis 1,26)

Anfangs sind als Nahrung für den Menschen nur Pflanzen, die Samen tragen, und Bäume mit samenhaltigen Früchten vorgesehen, alle „grünen Pflanzen“ sind als Nahrung für die Tiere gedacht (Quelle: Genesis 1,29 und 1,30).

Erst nach der Sintflut heißt es:

Alles Lebendige, das sich regt, soll euch zur Nahrung dienen. Alles übergebe ich euch wie die grünen Pflanzen. Nur Fleisch, in dem noch Blut ist, dürft ihr nicht essen. (Quelle: Genesis 9,3 und 9,4)

Die theologische Interpretation dieser Veränderung sieht in der veränderten Nahrung den Verfall der ursprünglich harmonisch geschaffenen Weltordnung, die durch den Sündenfall einen Niedergang erfahren hat. (Quelle: siehe Fußnote 2)

Auch an anderen Stellen wird der Umgang mit Tieren in der Bibel dargelegt und es zeigt sich, dass zwischen Mensch und Tier kaum unterschieden werden kann:

Der Gerechte erbarmt sich seines Viehs; aber das Herz der Gottlosen ist unbarmherzig. (Quelle: Sprüche 12, 10)

Ich sprach in meinem Herzen: Es geschieht wegen der Menschenkinder, auf dass Gott sie prüfe und sie sehen, dass sie an sich selbst sind wie das Vieh. Denn es geht dem Menschen wie dem Vieh: Wie dies stirbt, so stirbt er auch, und haben alle einerlei Odem, und der Mensch hat nichts mehr als das Vieh; denn es ist alles eitel. (Quelle: Prediger 3, 18 und 3,19)

Sechs Tage sollst du arbeiten und alle dein Dinge beschicken; aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes; da sollst du kein Werk tun noch dein Sohn noch deine Tochter noch dein Knecht noch deine Magd noch dein Vieh noch dein Fremdling, der in deinen Toren ist.  (Quelle: 2. Mose 20, 9 und 20, 10)

Zudem berichtet die Verheißung des Reichs Gottes davon, dass Menschen und Tiere miteinander in Frieden leben werden:

Die Wölfe werden bei den Lämmern wohnen und die Parder bei den Böcken liegen. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden auf der Weide gehen, dass ihre Jungen beieinander liegen; und Löwen werden Stroh essen wie die Ochsen. Und ein Säugling wird seine Lust haben am Loch der Otter, und ein Entwöhnter wird seine Hand stecken in die Höhle des Basilisken. Man wird niemand Schaden tun noch verderben auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land ist voll Erkenntnis des HERRN, wie Wasser das Meer bedeckt. (Quelle: Jesaja 11, 6 bis 11, 9)

Wer sich beim Fleischessen also auf die Bibel beruft, sollte diesen Standpunkt gut überdenken.

17. / 18. Jahrhundert

Zu dieser Zeit waren die Rechte der Tiere kein sehr präsentes Thema.

Rene Descartes
Dieser französische Philosoph (1596 – 1650) war Anhänger des sogenannten Maschinenparadigmas, das davon ausgeht, dass Tiere (im Gegensatz zum Menschen) bloße Automaten ohne Vernunft seien. Auch die Sprache spielt für ihn eine wesentliche Rolle der Unterscheidung zwischen Mensch und Tier. Die Leidensfähigkeit spricht Descartes den Tieren mehr oder weniger ab – er geht zwar davon aus, dass Tiere Schmerzensschreie usw. von sich geben, allerdings eher automatisiert als aus tatsächlichem Schmerzgefühl heraus. (Quellen: siehe Fußnote 3 und 4)

Immanuel Kant
Immanuel Kant (1724 – 1804) sah Tiere als vernunftlose Wesen, mit denen man aufgrund dieser fehlenden Vernunft tun und machen könne, was man wolle. Tiere waren für ihn „Sachen“. Man solle Tiere allerdings nicht quälen, damit man nicht in seinem Mitgefühl gegenüber anderen Menschen abstumpft. Tiere sind also nur Mittel zum Zweck:

In Ansehung des lebenden, obgleich vernunftlosen Teils der Geschöpfe ist die Pflicht der Enthaltung von gewaltsamer und zugleich grausamer Behandlung der Tiere der Pflicht des Menschen gegen sich selbst weit inniglicher entgegengesetzt, weil dadurch das Mitgefühl an ihrem Leiden im Menschen abgestumpft und dadurch eine der Moralität im Verhältnisse zu anderen Menschen sehr diensame natürliche Anlage geschwächt und nach und nach ausgetilgt wird. (Quelle: siehe Fußnote 5)

Arthur Schopenhauer
Arthur Schopenhauer (1788 – 1860) sah Mensch und Tier im Grunde als wesensgleich und setzte sich für eine moralische Behandlung der Tiere ein. Er war selbst Mitglied ein einem Tierschutzverein. (Quelle: siehe Fußnote 6)

20. Jahrhundert

Peter Singer
Peter Singer, ein australischer Philosoph und Ethiker (geboren 1946), ist für seine sehr radikale Ethik bekannt – er setzt sich für Schwangerschaftsabbrüche bis hin zur Tötung von Neugeborenen ein, sieht in der Tötung von schwerbehinderten Menschen keine moralisch verwerfliche Handlung und setzt sich sehr für Tiere und Tierrecht ein.

Für ihn ist die Leidensfähigkeit von Tieren ein wesentlicher Faktor, der es notwendig macht, Tiere ethisch zu behandeln:

Ich denke, dass auch Tiere ein Interesse haben, nicht zu leiden. Aber das wird überhaupt nicht berücksichtigt. (Quelle: siehe Fußnote 7)

Seine Thesen bezüglich einer Tierethik legt er sehr deutlich unter anderem in seinem Werk „Animal Liberation – Die Befreiung der Tiere“ dar. Das betrifft nicht nur die Massentierhaltung, sondern auch Bereiche wie etwa Tierversuche oder Klimawandel.

Tom Regan
Regan sieht den Wert menschlicher und nicht-menschlicher Lebewesen gleich – wenn der Mensch mit Respekt behandelt wird, muss auch jedes andere Lebewesen entsprechend behandelt werden. Dabei setzt er sich nicht nur für bessere Haltungsbedingungen usw. ein, sondern sieht die Notwendigkeit der generellen Abschaffung von Haltungsformen, also die Notwendigkeit der kompletten Befreiung der Tiere. Diese und andere Thesen stellt er vor allem in seinem Buch „The Case for Animal Rights“ dar:

Diese anderen Tiere, die von den Menschen gegessen, für die Wissenschaft verwendet, gejagt, in Fallen gefangen und auf vielerlei andere Weise ausgebeutet werden, alle diese Tiere haben ihr eigenes Leben, das für sie, ganz unabhängig von ihrem Nutzen für uns, von Bedeutung ist. […]  Dieses Leben umfasst eine Vielzahl biologischer, individueller und sozialer Bedürfnisse. Die Befriedigung dieser Bedürfnisse stellt eine Quelle der Freude dar, ihre Einengung oder Missachtung dagegen erzeugt Schmerz. Im Hinblick auf diese grundsätzlichen Fakten sind die nichtmenschlichen Tiere, beispielsweise diejenigen in den Labors und auf den Farmen, den Menschen gleich. Daher müssen der Ethik unseres Umgangs mit ihnen dieselben grundlegenden moralischen Prinzipien zugrunde gelegt werden wie die der Menschen untereinander. (Quelle: siehe Fußnote 8)

Aktuelle Ansichten

Mark Rowlands
Laut Mark Rowlands, einem britischen Philosophen (geboren 1962), sind Tiere fähig, moralisch zu handeln, und verdienen daher Respekt. Seine Tierphilosophie basiert auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen, dass Tiere emotionale und psychische Vorgänge aufweisen und moralische Handlungen, wie verletzten Artgenossen zu helfen oder um verstorbene Angehörige zu trauern, durchführen können. Auch den Fleischkonsum sieht er kritisch:

Allerdings habe ich den Verdacht, dass die Fleisch-Industrie, wie wir sie heute kennen, bald verschwinden wird – nicht weil die Menschen im Umgang mit den Tieren moralischer werden, sondern weil das System ökologisch nicht mehr tragbar sein wird. (Quelle: siehe Fußnote 9)

Seine Theorie legt er unter anderem im Buch „Can Animals be Moral?“ dar.

Ursula Wolf
Auch Ursula Wolf, eine deutsche Philosophin (geboren 1951), ist der Ansicht, dass der Mensch Tieren gegenüber eine moralische Verantwortung und Verpflichtung hat. Da Tiere leidensfähig sind, gleichen sie in dieser Hinsicht allen anderen leidensfähigen Wesen (wie auch dem Menschen). Aus diesem Grund haben wir die moralische Verpflichtung, Tieren kein Leid zuzufügen, ihnen entsprechende Betätigungsmöglichkeiten einzuräumen (sie bezieht sich hier vor allem auf Versuchs- und Zootiere) und sie spricht sich gegen die Massentierhaltung aus. (Quelle: siehe Fußnote 10)

Ihre Thesen stellt sie unter anderem in ihrem Buch „Das Tier in der Moral“ dar.

 

Quellen:

1 http://studylibde.com/doc/2003801/1–pyramidenmodell-aristoteles–pflanze–tier–mensch-
2 https://de.wikipedia.org/wiki/Tiere_in_der_Bibel#Verh%C3%A4ltnis_von_Mensch_und_Tier_in_der_Bibel
3 https://www.textlog.de/35547.html
4 https://tierethiktierrechte.wordpress.com/2012/04/06/descartes-tiere-automaten-13421146/
5 https://www.uni-muenster.de/imperia/md/content/philosophischesseminar/mitglieder/vieth/apparat/lehrenlernenphil/tierethik.pdf
6 https://tierethiktierrechte.wordpress.com/tag/kant/
7 https://derstandard.at/1308679907321/Radikaler-Denker-Peter-Singer-Fuer-das-Wohl-aller-Tiere-die-leiden-koennen
8 http://www.eap-media.de/tierrechte.html
9 https://austria-forum.org/af/Wissenssammlungen/Essays/Soziologie_und_Ethik/Mensch-Wolf
10 http://archiv.veggie-planet.at/warumvegan/tierrechte/die_moral_generalisierten_mitleids.html